VERBORGENE FRONT · BOOK 4 · CHAPTER 1
The Hour of the Generals
German excerpt
The books follow a chronological sequence. Start with The Other Shore (Book 1).
Kapitel 1
Jakarta. Donnerstag, 30. September, und Freitag, 1. Oktober 1965.
Der Reis kostete auf dem Markt in Senen ein Fünftel mehr als vor vier Wochen, und Zielinski schrieb es auf, wie er es jeden Donnerstag aufschrieb, in eine Tabelle mit sieben Spalten, die niemand in Washington las. Reis, Zucker, Kerosin, Petroleum für die Lampen, Kokosöl, Stoff, der Kurs des Dollars auf dem schwarzen Markt. Der Dollar stand bei siebzehntausendfünfhundert. Im Januar hatte er bei fünftausend gestanden. Die Tabelle hatte für solche Zahlen zu schmale Spalten, und er hatte begonnen, die Nullen kleiner zu schreiben.
Die Wirtschaftsabteilung lag im zweiten Stock der Botschaft, an der Südseite des Medan Merdeka, mit Fenstern auf den großen Platz, über den in der Mittagshitze niemand ging. Zielinski war im August gekommen, als Zweiter Sekretär für Wirtschaftsfragen, und das stimmte, soweit es auf dem Türschild stand. Für die Station, zwei Stockwerke höher, war er der Mann für die Polen und die Russen, weil er beide Sprachen sprach und weil man in Saigon froh gewesen war, ihn abzugeben. Er hatte dort Berichte geschrieben, in denen nichts Falsches stand. Man hatte sie nicht gern gelesen.
Er legte die Tabelle in den Ausgangskorb und sah auf die Uhr. Halb fünf. Um sechs hatte er Unterricht.
* * *
Pak Kusno wohnte hinter der Jalan Cikini, in einem Kampung, in den man nur zu Fuß kam, über einen Steg aus zwei Brettern und eine Gasse, die so schmal war, dass sich die Dachtraufen der Häuser berührten. Sein Haus hatte zwei Zimmer und einen Hof mit einem Brunnen, und im vorderen Zimmer stand ein Tisch, an dem früher Schüler gesessen hatten. Kusno war Lehrer an einer Taman-Siswa-Schule gewesen, dreißig Jahre lang, bis die Schule zu wenig Geld hatte, um ihn zu bezahlen, und jetzt unterrichtete er Ausländer, die genug Geld hatten. Er sprach Holländisch wie ein Beamter, Französisch wie ein Buch und Englisch wie jemand, der es spät und gründlich gelernt hatte. Er war fünfundfünfzig, dünn, und er hustete, wenn er lachte.
„Sie sind pünktlich, Mister Zielinski. Das ist eine amerikanische Krankheit.“
„Eine polnische. Meine Mutter.“
„Dann ist es eine Erbkrankheit. Gegen die kann man nichts tun.“ Kusno schob ihm das Heft hin, das er am Montag abgegeben hatte. „Setzen Sie sich. Ihre Sätze sind besser geworden. Ihre Wörter nicht.“
Zielinski schlug das Heft auf. Kusno korrigierte mit einem roten Stift. Hinter jeden Satz, der stimmte, setzte er einen kleinen Haken, schräg, kaum größer als ein Komma; die falschen ließ er stehen, ohne Strich, damit man die Fehler selbst fand.
„Bei uns in der Schule“, hatte er in der ersten Woche gesagt, „bekam ein Kind für einen Fehler keinen Strich. Ein Strich ist eine Strafe. Ein Kind bekommt einen Haken, wenn es recht hat, und wenn es keinen bekommt, weiß es genug.“
Sie arbeiteten eine Stunde. Es ging um die Anrede, um Bapak und Pak, Ibu und Bu, um die Frage, wann man jemanden beim Namen nennt und wann bei dem, was er ist. Kusno erklärte, dass man einen Mann, den man nicht kennt, nach seinem Alter anredet und nicht nach seinem Namen, und dass das höflich sei, weil es ihm erspare, sich vorzustellen. Zielinski schrieb es auf.
Gegen sieben kam jemand über den Steg. Ein junger Mann in einem weißen Hemd mit kurzen Ärmeln, das Fahrrad an der Hand, weil man es über die Bretter tragen musste. Er stellte es an die Hauswand und kam herein, ohne anzuklopfen, und blieb stehen, als er den Ausländer am Tisch sah.
„Mein Neffe“, sagte Kusno. „Slamet. Er arbeitet im Krankenhaus der Armee. Er schreibt dort Dinge ab, die Ärzte unleserlich geschrieben haben.“
Slamet gab Zielinski die Hand, kurz, und legte ein kleines Päckchen in braunem Papier auf den Tisch. Tabletten, sagte er auf Indonesisch zu seinem Onkel, gegen den Husten, aus der Apotheke, die Schwester habe es erlaubt. Dann erzählte er, ohne dass jemand gefragt hätte, von den Lastwagen. Seit dem Nachmittag führen sie durch die ganze Stadt, Soldaten auf den Ladeflächen, für den Tag der Streitkräfte am Dienstag, die Parade, die Übungen. Am Bundaran stünden sie so dicht, dass man mit dem Fahrrad nicht durchkomme.
„Tausende“, sagte Slamet. „Aus Ostjava, aus Zentraljava. Man hört alle Dialekte.“
„Dann ist der Dienstag gesichert“, sagte Kusno. Er sagte es auf Indonesisch, und Zielinski war nicht sicher, ob es ein Scherz war.
Als er ging, begleitete Kusno ihn bis an den Steg. Es war dunkel geworden, und in den Häusern brannten Petroleumlampen, deren Petroleum jeden Donnerstag teurer wurde. Kusno sagte, er werde am Samstag nicht da sein, er übersetze für die Französin von der Agentur, und am Dienstag habe er den Polen.
„Den Polen?“
„Den Mann von der polnischen Botschaft. Er spielt Schach mit mir, während er Indonesisch lernt. Er sagt, er lernt besser, wenn er verliert.“ Kusno hustete. „Er verliert nie. Er kennt Sie, sagt er.“
„Er kennt viele Leute“, sagte Zielinski.
Er fuhr nach Kebayoran zurück, über die Jalan Thamrin, am Hotel Indonesia vorbei, wo auf dem Dach eine Kapelle spielte, und am Bundaran standen die Lastwagen, wie Slamet gesagt hatte, in Reihen, mit Planen über den Ladeflächen und Soldaten, die auf den Kotflügeln saßen und rauchten. Ein Feldwebel winkte ihn durch, ohne hinzusehen.
* * *
Am Freitag weckte ihn nicht der Wecker, sondern Ibu Sumi, die für ihn kochte und die er nie hatte überzeugen können, dass sie nicht vor dem Frühstück an seine Tür klopfen müsse. Sie klopfte jetzt, zweimal, und sagte durch die Tür, er solle das Radio hören. Es war zwanzig nach sieben.
Das Radio stand in der Küche, auf dem Kühlschrank, und der Sprecher von Radio Republik Indonesia las mit der Stimme, mit der er sonst die Reispreise der Regierung verlas. Eine Bewegung 30. September habe in der Nacht eine Anzahl von Generälen festgesetzt. Diese Generäle hätten einen Rat gebildet, einen Rat der Generäle, und dieser Rat sei eine subversive Bewegung, gefördert von der CIA, die einen Putsch gegen Präsident Sukarno geplant habe, für den Tag der Streitkräfte. Der Präsident sei in Sicherheit. Ein Revolutionsrat werde gebildet. Alle Parteien, alle Zeitungen würden ihre Treue erklären.
Ibu Sumi stand neben dem Kühlschrank und sah ihn an. Sie hatte den Satz mit der CIA verstanden.
„Ist das wahr, Tuan?“
„Ich weiß es nicht“, sagte Zielinski. Das war die Wahrheit, und er hörte, wie sie in ihren Ohren klang.
Er zog sich an und fuhr in die Stadt. Die Straßen waren leerer als an einem Freitag, und die Menschen, die unterwegs waren, standen in kleinen Gruppen an den Straßenecken und um die Warungs, wo ein Radio lief. Auf der Thamrin begegnete ihm kein Lastwagen. Erst am Medan Merdeka sah er Soldaten, und es waren viele. Sie standen auf der Nordseite vor dem Palast, auf der Westseite vor dem Rundfunkgebäude und auf der Südseite, auf seiner Seite, vor dem Fernmeldeamt, keine hundert Meter von der Botschaft entfernt, in Gruppen, die Gewehre über der Schulter, in Uniformen ohne ein Abzeichen, das er kannte. Sie sahen nicht aus wie Männer, die einen Putsch machten. Sie sahen aus wie Männer, die auf einen Befehl warteten.
Auf der Ostseite des Platzes stand niemand. Dort lag das Hauptquartier der Strategischen Reserve, der Kostrad, ein Gebäude mit einer Fahne und einem Tor, und vor dem Tor parkten Jeeps, und es war ruhig.
Der Marinesoldat am Eingang der Botschaft ließ ihn durch, ohne seinen Ausweis anzusehen. Im Treppenhaus standen Leute, die sonst nicht im Treppenhaus standen. Die Telefone gingen nicht, das Fernmeldeamt war besetzt, und das Funkgerät der Botschaft lief, aber niemand sagte, was darüber hinausging und was zurückkam. Im vierten Stock stand der Chef am Fenster, mit dem Rücken zum Raum, und sah auf den Platz hinunter, auf die Soldaten vor dem Fernmeldeamt.
„Wer sind die?“, fragte jemand.
„Das wüsste ich auch gern“, sagte der Chef, ohne sich umzudrehen. „Sie wissen es vermutlich selbst nicht.“
Es wurde Mittag. Draußen setzten sich die Soldaten in den Schatten der Bäume, und niemand brachte ihnen etwas zu essen. Zielinski sah zu, wie einer von ihnen seine Feldflasche schüttelte und sie dann an den Mund setzte und wieder absetzte, ohne zu trinken.
Am frühen Nachmittag kam die zweite Erklärung. Jemand hatte ein Kofferradio auf einen Schreibtisch im Flur gestellt, und die Leute aus drei Abteilungen standen darum herum. Der Sprecher verlas eine Liste. Es war die Liste des Revolutionsrats, fünfundvierzig Namen, Offiziere, Minister, Politiker, Männer aus allen Parteien, und ein Mann aus der politischen Abteilung, Ellis Carver, ein großer, langsamer Mann, der Zeitungen las, als seien sie Akten, schrieb sie mit, einen nach dem anderen, auf einen Block, den er gegen die Wand hielt.
„Den kenne ich“, sagte Carver bei einem Namen. „Und den.“ Er schrieb weiter. „Der war vorige Woche bei uns zum Essen. Ich bezweifle, dass er weiß, dass er Mitglied eines Revolutionsrats ist.“
„Vielleicht erfährt er es gerade“, sagte jemand.
Carver lächelte nicht. Er riss das Blatt ab und hielt es Zielinski hin. „Sie sind der Mann mit den Zahlen. Schreiben Sie das ab. Zweimal. Und schreiben Sie dazu, wer davon gestern noch für uns gewesen ist.“
Zielinski nahm das Blatt mit in sein Zimmer. Auf seinem Schreibtisch lag noch die Tabelle vom Vortag, er hatte sie nicht abgeschickt, und darauf stand das Datum, 30. September 1965, oben rechts, in seiner Schrift. Er schob sie zur Seite.
Er schrieb die fünfundvierzig Namen ab, sauber, mit Durchschlag, und als er fertig war, sah er, dass er hinter jeden Namen, den er kannte, einen kleinen Haken gesetzt hatte, wie Kusnos Haken. Er wusste nicht, wann er damit angefangen hatte. Es waren elf.