KEN LANDROS / VERBORGENE FRONT
DEEN
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VERBORGENE FRONT · BOOK 6 · CHAPTER 1

The Dead Man's Name

German excerpt

The books follow a chronological sequence. Start with The Other Shore (Book 1).

Kapitel 1

Huế. Sonntag, 21. Januar 1968.

Der Hintergrund war neu. Nghi hatte ihn im Dezember bei einem Maler in Gia Hội bestellt und am Freitag aufgehängt, eine Leinwand von drei Metern Breite, auf der der Fluss in einem Blau floss, das er in Wirklichkeit nur an wenigen Tagen im Jahr hatte, mit der Pagode Thiên Mụ am linken Rand und einem Boot mit einer Frau im Kegelhut, die ruderte und nicht vorankam. Hạnh fand den Fluss zu blau. Nghi sagte, die Kunden wollten ihn so, und die Kunden hatten recht, denn seit Mitte Januar standen sie samstags bis auf die Trần Hưng Đạo hinaus an, Familien in neuen Kleidern, die vor Tết noch ein Bild wollten.

Am Sonntag war das Geschäft geschlossen. Am Sonntag fotografierte Nghi seine eigene Familie.

Hạnhs Mutter war am Morgen mit dem Bus aus Thủy Phù gekommen, in ihrem schwarzen Kleid und mit dem Turban, den sie seit dem Tod des Vaters trug, und sie saß jetzt auf dem geschnitzten Stuhl vor dem blauen Fluss, sehr gerade, die Hände auf den Knien, und sah in die Kamera, als werde sie verhört. Huy stand rechts neben ihr, in einem weißen Hemd, das ihm am Hals zu eng war, und Thư saß ihr auf dem Schoß, mit einer roten Schleife im Haar, und weinte, weil die Schleife ziepte.

„Thư“, sagte Nghi unter dem Tuch hervor. „Schau auf meine Hand.“

Er hob die linke Hand über die Kamera und bewegte die Finger, und Thư sah hin und vergaß zu weinen. Hạnh stand neben dem Stuhl, in dem neuen áo dài, dem dunkelgrünen, das sie sich für das Neujahr hatte nähen lassen, und spürte die Kälte, die vom Steinboden heraufkam. Draußen fiel der feine Regen, der in Huế im Januar nicht aufhörte, sondern nur dünner wurde und wieder dichter.

Nghi machte vier Aufnahmen. Dann sagte er, Hạnh solle sich auch setzen, auf den Hocker neben die Mutter, und er machte noch vier. Er arbeitete mit der Rolleiflex, die er für die Porträts benutzte und für alles, was er für die Ämter fotografierte, eine Kamera mit zwei Objektiven übereinander, in die man von oben hineinsah wie in einen Brunnen. Zwölf Bilder auf einen Film. Hạnh kannte das Geräusch, mit dem er den Film weiterdrehte, so gut wie das Geräusch seiner Schritte auf der Treppe.

„Noch vier“, sagte er. „Dann ist der Film voll.“

„Dann mach eins von dir“, sagte Hạnh.

Er sah über die Kamera. Er war siebenunddreißig, und er hatte in den zwölf Jahren, in denen er hier fotografierte, Tausende Menschen vor diesen Hintergrund gesetzt, Brautpaare, Beamte, Schüler mit ihren Abschlusszeugnissen, Tote, deren Familien ihre Gesichter für den Ahnenaltar brauchten. Von ihm selbst gab es vier Bilder. Hạnh hatte sie gezählt.

Er stellte den Selbstauslöser ein, ohne zu widersprechen, setzte sich auf den geschnitzten Stuhl und sah in die Kamera, bis es klickte, ernst, die Hände auf den Knien, wie die Mutter.

„Nicht so“, sagte Hạnh. „Ich mache eins.“

„Du weißt nicht, wie man scharf stellt.“

„Dann zeig es mir.“

Er zeigte es ihr. Er stellte die Kamera auf das Stativ zurück, auf die Höhe ihrer Brust, und sagte ihr, sie solle von oben in den Sucher sehen und an dem Rad drehen, bis sein Gesicht nicht mehr doppelt sei. Dann setzte er sich auf den geschnitzten Stuhl, auf dem eben noch die Mutter gesessen hatte, und sah in die Kamera, und Hạnh sah ihn im Sucher, klein, seitenverkehrt, auf einer Mattscheibe, und drehte, bis er scharf war. Er lachte, weil Huy hinter ihr eine Grimasse schnitt. Sie drückte ab, während er lachte.

„Zu früh“, sagte er.

„Nein“, sagte sie.

Die letzten beiden Bilder machte er von den Kindern allein, Huy stehend, Thư auf dem Stuhl, mit der roten Schleife in der Hand statt im Haar.

* * *

Sie aßen bei der Mutter nicht zu Mittag, weil die Mutter um zwei den Bus zurück nach Thủy Phù nehmen wollte, bevor der Regen die Straße bei Phú Bài aufweichte. Hạnh brachte sie zur Haltestelle am Đông-Ba-Markt und gab ihr eine Tüte mit kandiertem Ingwer mit, und die Mutter sagte, sie solle zu Tết mit den Kindern kommen, am dritten Tag, wie jedes Jahr, und Nghi solle mitkommen und diesmal nicht wieder für irgendein Amt arbeiten, wenn alle anderen Menschen feierten.

„Ich sage es ihm“, sagte Hạnh.

„Du sagst es ihm jedes Jahr“, sagte die Mutter und stieg ein.

Am Nachmittag waren sie zu Hause, in der Gasse hinter dem Markt An Cựu am Südufer, in dem Haus mit dem Ziegeldach und dem Hof, in dem der Brunnen stand und die Mandarinenbäumchen in ihren Töpfen auf Tết warteten. Nghi hatte den Film im Geschäft entwickelt, gleich nach den Aufnahmen, während Hạnh mit der Mutter am Markt gewesen war, und er brachte die Negative mit nach Hause, in zwei Hüllen aus Pergamin, wie er sie für die Kunden benutzte. Auf der ersten stand mit Bleistift Tết 68. Die zweite war älter und dicker, und auf ihr standen zwei Nummern, 0116 und 0118, in der Schrift, mit der er die Aufträge in sein Buch eintrug.

Hạnh sah zu, wie er den Lackkasten von dem Brett über dem Ahnenaltar nahm. In dem Kasten lagen die Papiere der Familie in einer Tasche aus Wachstuch: ihre Heiratsurkunde, die Geburtsurkunden der Kinder, ihr Lehrerinnendiplom von der Pädagogischen Fakultät, der Pachtvertrag für das Haus und der Brief des Grundbuchamts in Phú Bài über das Land der Mutter, das der Vater ihr vermacht hatte. Ihre Mutter hatte sie gelehrt, dass man im Krieg zuerst die Kinder nahm und dann die Papiere, und dass es auf die Reihenfolge ankam und auf nichts sonst.

Nghi legte beide Hüllen in die Tasche, zwischen die Geburtsurkunden und das Diplom.

„Die Tết-Bilder sind doch im Geschäft sicher“, sagte Hạnh.

„Die Abzüge sind im Geschäft. Die Negative sind hier.“ Er schloss den Kasten. „Wenn das Geschäft brennt, kann ich die Abzüge neu machen.“

„Und die andere?“

„Doppel“, sagte er. „Für die Ämter. Die braucht niemand.“

Er stellte den Kasten zurück auf das Brett, neben die Bilder der Großeltern, und rückte ihn zurecht, bis er gerade stand. Hạnh hatte in acht Jahren Ehe nie gesehen, dass er Negative aus dem Geschäft nach Hause brachte, außer denen der Familie. Er hatte im Geschäft einen Schrank mit Schubladen bis unter die Decke, auf jeder Schublade ein Jahr, in jeder Schublade die Hüllen nach Nummern geordnet, und er hatte ihr einmal gesagt, er könne jeden Menschen, den er in zwölf Jahren fotografiert habe, in drei Minuten wiederfinden.

Sie fragte nicht weiter, weil Huy in diesem Augenblick in den Hof lief, wo es wieder regnete, und weil sie ihn zurückholen musste, und als sie zurückkam, war Nghi in der Küche und schälte Erdnüsse für die Mutter, die am dritten Tag Erdnüsse erwarten würde.

* * *

Der Wagen kam gegen vier. Hạnh hörte ihn, bevor sie ihn sah, einen Jeep, der in der engen Gasse zweimal vor- und zurücksetzen musste, um an dem Karren des Nachbarn vorbeizukommen. Er hatte ein Verdeck aus grüner Plane und ein Nummernschild der Armee, und am Steuer saß ein junger Mann in Uniform, mit einem runden Gesicht, der ausstieg und an das Tor kam und sich dafür entschuldigte, am Sonntag zu stören.

„Bình“, sagte Nghi, der hinter ihr in den Hof trat. „Was ist?“

„Der Hauptmann bittet Sie, heute noch zu kommen. Mit der Kamera.“ Bình sah an Nghi vorbei zu Huy, der hinter dem Brunnen hervorsah, und holte ein Bonbon aus der Brusttasche und hielt es ihm hin, auf der flachen Hand, wie man einem Vogel Futter hinhält. „Es dauert nicht lange, sagt der Hauptmann. Vier Leute. Für die Kartei.“

Huy kam und nahm das Bonbon, und Bình lachte.

Hạnh kannte den Hauptmann nicht. Sie wusste, dass er Phan Duy Hòa hieß und in einer Dienststelle am Südufer arbeitete, deren Namen Nghi nicht aussprach, sondern umschrieb, die Sicherheit, die Leute vom Hauptmann, und sie wusste, dass die Aufträge der Dienststelle bar und pünktlich bezahlt wurden und dass seit dem Herbst niemand mehr an Nghis Ladentür kam, um nach seiner Gewerbegenehmigung zu fragen. Sie wusste auch, dass Lễ, der zwei Jahre lang bei Nghi gelernt hatte, seit dem Herbst in derselben Dienststelle im Labor arbeitete und dass Nghi ihm die Stelle verschafft hatte. Lễs Mutter hatte zum Dank einen Korb Mandarinen gebracht.

„Am Sonntag“, sagte sie.

„Er zahlt den Sonntag“, sagte Nghi. Er ging ins Haus und kam mit der Kameratasche zurück und mit seiner Jacke, der grauen, die sie ihm im vorigen Winter aus dem Stoff eines alten Mantels genäht hatte. Er zog sie über das weiße Hemd, an dem sie im Dezember den Kragen gewendet hatte, weil er an der Außenseite durchgescheuert war und Nghi kein neues Hemd kaufen wollte, solange das alte noch eine zweite Seite hatte.

An der Tür drehte er sich um. Er sah nicht sie an, sondern über sie hinweg, in den Raum, auf das Brett über dem Ahnenaltar, wo der Lackkasten stand. Es war ein kurzer Blick. Hạnh bemerkte ihn, weil sie ihn erwartete, ohne zu wissen, warum.

„Zum Abendessen bin ich zurück“, sagte er.

Er war um acht zurück. Er aß, was sie ihm warmgehalten hatte, und sagte, es seien vier Männer gewesen, junge Männer aus den Dörfern westlich der Stadt, und er habe jeden von vorn und von der Seite fotografiert, mit einer Tafel, auf der eine Nummer stand, wie immer. Dann sagte er nichts mehr, bis die Kinder schliefen, und dann sagte er, sie solle der Mutter ausrichten, dass er am dritten Tag mitkomme nach Thủy Phù.

„Du sagst das jedes Jahr“, sagte Hạnh.

„Diesmal komme ich“, sagte er.

Sie lag noch lange wach und hörte dem Regen auf dem Ziegeldach zu. Er schlief. Einmal stand sie auf, ging in den vorderen Raum und sah im Licht der Öllampe vor dem Altar zu dem Lackkasten hinauf, der gerade stand, wie Nghi ihn hingestellt hatte. Sie nahm ihn nicht herunter. Sie ging zurück ins Bett und dachte an das grüne áo dài und daran, ob die Mutter die Bilder rechtzeitig vor dem Neujahr bekommen würde, wenn Nghi die Abzüge am Mittwoch machte, und ob man den Fluss auf den Abzügen wirklich so blau sah.

End of the excerpt.

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